Code Literacy oder Digitaler Alphabetismus

Ein Gastbeitrag von Jan Varwig

Der folgende Text ist eine deutsche Übersetzung von „Why Coding is and is Not The New Literacy“, die ich für das Code Literacy Blog geschrieben habe. Hier fehlt das Originalzitat von Pierce Gleeson, der nur auf Englisch im ursprünglichen Post vorliegt und ohne den der erste Absatz ein wenig den Bezug verliert.

Wenn Menschen im Zusammenhang mit Programmierung von „Code Literacy“ oder „digitalem Alphabetismus“ sprechen, ist damit nicht gemeint, dass Programmieren eine dem Lesen und Schreiben ähnliche Grundfähigkeit ist, sondern dass Programmieren die Beherrschung von Schriftsprache als Unterscheidungsmerkmal der intellektuellen Elite ersetzt.

Damit diese Argumentation nachvollzogen werden kann, ist es nötig, zunächst den Begriff des Programmierens zu klären. Das Wesentliche ist nämlich nicht, in der Lage zu sein, tatsächlich Computerprogramme zu schreiben. Wichtiger ist, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie Algorithmen Informationen verarbeiten, wie unsere Welt zunehmend von Maschinen und abstrakten mathematischen Modellen geformt und gelenkt wird, kleinen hochspezialisierten Teilen, die nach strengen Regeln zusammenarbeiten, um neue, mächtigere Fähigkeiten zu entwickeln.

Wenn das Studium der Informatik mich eines gelehrt hat, dann Probleme in ihre Teile zu zerlegen und Nebensächliches vom Wesentlichen zu trennen, bis sich die Essenz offenbart und sich die Lösung fast von selbst präsentiert. Genau dies ist die wichtigste Fähigkeit der Informatiker. Ist diese Denkweise einmal verinnerlicht, verändert sich für immer die Herangehensweise an Probleme jeder Art.

So gut wie jeder kann heute lesen und schreiben, aber nur wenige Menschen verfügen über allgemeine Fertigkeiten zur Lösung von Problemen. Programmieren ist im Grunde nichts anderes als das: formalisiertes und strukturiertes Analysieren und Lösen von Problemen, kombiniert mit eher unwesentlichem Hintergrundwissen über die Syntax der Programmiersprache in der man sich gerade bewegt. Um Programmieren zu können braucht man daher eigentlich keine Ausbildung als Softwareentwickler. Jeder der schonmal mit Excel gearbeitet hat, hat schon programmiert, vielleicht ohne es zu wissen.

Theoretisch in der Lage sein etwas tun zu können und es tatsächlich zu tun, sind zwei sehr verschiedene Dinge. In diesem Fall ist es wichtiger, theoretisch und allgemein zu verstehen, was beim Programmieren vor sich geht, nicht die praktische Erfahrung aus Jahren in der Softwareentwicklung. Dieses Verständnis kommt fast von allein wenn man sich mit strukturiertem Denken beschäftigt, sei es in der Wissenschaft oder der Geschäftswelt.

Es lässt sich kaum verleugnen dass in einer Gesellschaft die besessen von Informationen und Effizienz ist, Menschen die Probleme lösen und Systeme durchschauen können einen wesentlichen Vorteil haben, so wie es in der Vergangenheit Menschen mit Schriftkenntnis gegenüber Analphabeten hatten.

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