Intertubes

Dieser Gast-Beitrag ist ein bisschen anders als die bisherigen, denn er ist eine Übersetzung eines Blog-Postings von Peter Sunde, u.a. Mitbegründer von flattr. Der englische Original-Text erschien am 26. Mai 2013 auf Peter’s Blog. Nele hat ihn übersetzt, nachdem Peter ihr auf Twitter versicherte: “All my work is free to copy for all and for whatever reason!” – nun denn, los geht’s:

Ich habe zuvor schon mehrfach über die Kontrolle des Internets geschrieben. Fast immer, wenn wir uns damit beschäftigen, geht es um verschiedene technologische Ebenen (“layers of technology”). Entschuldigung dafür, aber das hier wird ein sehr sehr langer Beitrag.

Facebook, Google, Twitter, Amazon, Dropbox etc. sind alles (mehr oder weniger) webbasierte Dienste. Sie alle üben eine Art von sanfter oder weicher Kontrolle (“soft” control) über uns aus, indem sie unsere Daten aufbewahren und speichern, und uns so abhängig machen von ihren Zugangssystemen zu diesen Daten. Dazu kommt, dass fast all diese Firmen in den USA beheimatet sind.

Das Web selbst nutzt DNS (Anm. d. Übers.: DNS = Domain Name System), um sicher zu stellen, dass wir die richtigen IP-Adressen finden können, um mit diesen Diensten zu kommunizieren. Bei einem nicht funktionierenden DNS System könnte einfach jemand behaupten, Facebook etc. zu sein, und als dieser so genannte Mittelsmann (“man in the middle”) den Zugang zu allen Daten attackieren, die wir in Cloud-Diensten abgelegt haben. Das DNS, das wir alle nutzen, wird von einer US-Organisation kontrolliert, der ICANN, innerhalb ihres Root-Server-Systems. Man könnte es auch als eine Art universelles oder globales Telefonbuch betrachten, bei der eine einzige Organisation darüber entscheidet, welche Länder in diesem Telefonbuch angezeigt werden. Dabei verfügen sie sogar über die Mittel, jeden einzelnen Eintrag in der Datenbank mit welchen Daten auch immer sie möchten zu überschreiben.

Beide Aspekte verweisen auf ganz reale Probleme, vor denen wir heute stehen. Gerichte in verschiedenen Teilen der USA haben Domains suspendiert, die in keinster Weise mit den USA in Verbindung stehen, und dies schlicht damit begründet, dass die Organisation, die diese Daten kontrolliert, in den USA beheimatet ist.

Wie schon angesprochen, sind diese Probleme letztlich mehr oder weniger “soft”. Sie beruhen auf Software, die wir ausblenden können oder von der wir “migrieren” können. Wir haben das auch schon früher getan, mit Dingen wie Myspace, und wir werden das vermutlich auch mit Facebook wieder tun. Aber: DNS ist wahrscheinlich ein bisschen schlimmer, weil wir bislang keine Ersatz-Technologie dafür haben, auch wenn viele Leute (mich eingeschlossen) versucht haben, sie zu ersetzen. Es ist einfach ein zu großes Problem (“t’s just too much of a problem”).

Aber selbst wenn DNS scheitert (eher politisch als auf andererem Wege), können wir Netzknoten (“node”) immer noch erreichen, indem wir ihre IP-Adressen verwenden. Es wäre zwar ein ziemlich großes Problem, aber vielleicht könnten wir das bisherige DNS mit einem konkurrierenden ersetzen. Es würde zwar in etwa sein, als ob jedermanns Telefonbuch gelöscht würde, und wir wieder unsere Telefonnummern benutzen müssten.

Aber eine Sache ist viel schlimmer, über die aber fast nie gesprochen wird: Wer besitzt eigentlich die physikalische Infrastruktur, die wir nutzen und brauchen? Jene Ebene, auf der all unsere Kommunikation basiert.

Die meisten Menschen haben eine ungefähre Vorstellung davon, dass sie irgendeine Art von Internetanbieter haben, manche wissen vielleicht sogar, wie der Name ihres Anbieters lautet. Aber nur wenige Menschen verstehen die komplexen Verbindungen zwischen Anbietern. Der Internet Traffic, den wir generieren, geht üblicher Weise zu einem Netzwerk außerhalb des Netzwerkes unseres eigenen Providers. Das heißt, unser Provider muss eine passende Route finden, über den dieser traffic “reisen” kann.

Internet-Anbieter müssen sich austauschen, indem sie Computer nutzen, die für solchen traffic-Austausch spezialisiert sind. Diese Computer werden Router genannt. Die meisten Anbieter auf der Welt haben wiederum andere Anbieter, die es ihnen ermöglichen, Internet traffic zu senden oder zu empfangen. Diese verbinden ihre Router miteinander, entweder in einer privaten Einrichtung (mit Glasfaser- oder Kupferkabeln zwischen den Routern) oder an einem Internet Exchange Point (kurz: IXP), an dem verschiedene Anbieter entschieden haben, traffic mit jedweden Anbieter auszutauschen, der an diesem Punkt verfügbar ist. Es gibt freie IXP-Dienste und es gibt kommerzielle. Und es gibt zwei Arten von Austausch: einer wird “peering” genannt, hier erlauben die Provider einen (normalerweise) freien Fluss zwischen ihren eigenen Netzwerken. Die andere Form des Austauschs wird “transit” genannt – hierbei erlaubt es ein Anbieter den anderen, sein Netzwerk und alle anderen Netzwerke, mit denen er verbunden ist, zu erreichen. Üblicherweise heißt das: das gesamte Internet.

Größere Player gestatten es üblicherweise niemanden, ihre Netzwerke umsonst zu erreichen, nicht einmal an den beschriebenen Austauschpunkten. Sie erlauben es kleineren Anbietern lediglich, für den Zugang zum Internet zu bezahlen, zu Preisen, die schwanken – und zwar sehr stark.

Es gibt weltweit nur sehr wenige so genannte “tier 1” Provider. Sie besitzen ein derart großes Netzwerk, dass sie niemanden dafür bezahlen müssen, um jedes Netzwerk weltweit zu erreichen. Stattdessen können sie saftige Kosten von kleineren Anbietern erheben, damit diese über ihr Netzwerk das Internet erreichen können.

Heute werden 13 Firmen als Tier 1 Provider eingestuft, acht davon sind in den USA, vier in Europa und eine in Indien beheimatet. Sie haben massive Kontrolle über das Internet und die Marktpreise für Bandbreitenkosten. Die meisten kleineren Anbieter, darunter sogar große multi-nationale Internetanbieter, sind ziemlich abhängig von diesen übergeordneten Tier 1-Providern.

Aber selbst diese Anbieter haben immer noch physische Provider! Obwohl viele dieser Firmen auch einen großen Teil ihrer eigenen Infrastruktur besitzen, müssen sie ihre physikalische Konnektivität zu verschiedenen Orten von anderen Firmen pachten. Mancherorts mieten sie ungenutzte Glasfaserkabel zwischen Städten oder größeren Regionen, an anderen Orten müssen sie die physischen Glasfaserkabel selbst verlegen. Und es ist wiederum nur eine Handvoll von Firmen, welche die meisten internationalen Glasfaserkabel besitzt.

Wir müssen endlich anfangen, uns ernsthaft mit diesem Problem auf internationaler Ebene beschäftigen. Wir alle sehen doch längst, dass die Kontrolle aus einem einzigen Land über die meisten Internetdienste im besten Falle unangenehm ist. Viele von uns sind mit Gesetzen aus den USA (wie etwa dem DMCA) vertraut, weil sie unsere Netzwerke beeinflussen. Und trotzdem tun wir noch längst nicht alles, was wir tun sollten, um sicherzustellen, dass das Internet international bleibt, mit nationaler Kontrolle über nationale Angelegenheiten. Wenn ein US-Richter entscheidet, dass eine US-Firma den gesamten traffic in z. B. Afghanistan oder Iran überwachen soll, haben sie die Möglichkeiten dazu. Wahrscheinlich machen sie das sogar bereits, und wir haben keine Möglichkeit das zu kontrollieren.

Um sicherzustellen, dass wir kein Internet mit nur einem einzigen Fehlerpunkt (“point of failure”) entstehen lassen, wird es Zeit darüber nachzudenken, wie wir ein redundantes Netzwerk aufbauen können. Die EU sollte nationale Glasfaser-Verbände voranbringen, zwischen großen Städten in jedem Land, die auch tatsächlich in Besitz des Landes sind, in dem sie sich befinden. Die Kosten für die Nutzung dieser Glasfasern könnte auf Selbstkosten-Niveau gehalten werden. Immer wenn Straßen oder Schienen gebaut, versetzt oder renoviert werden, sollten gleichzeitig auch Glasfaserrohre verlegt werden, wo auch immer die Strecke hinführt.

Auf diese Weise könnten wir eine wirklich öffentliche Infrastruktur sicherstellen, die nicht abhängig von den USA ist. Wir könnten sicherstellen, dass die derzeitigen Glasfaser-Besitzer (und wiederum Internetanbieter) ihre Kosten an eine solch öffentliche Infrastruktur anpassen müssten. Wir könnten das Internet für jeden zu einem fairen Preis zugänglich machen. Aber vor allem könnten wir sicherstellen, die Kontrolle über die Infrastruktur zu behalten, auf der unsere derzeitige und zukünftige Kommunikation aufbaut.

Das Internet ist nicht mehr einfach nur ein Spielplatz, es geht dabei nicht mehr nur um Unterhaltung. Es ist ganz real und wir sind vollkommen abhängig davon. Und: wir sind nicht alle Bürger der USA.

Und hier noch ein Beitrag, der die Funktionsweise des Internet-Routing erläutert (auf Heise.de).

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