Interdisziplinäre Einblicke in Coding-Praxis

Ein Gastbeitrag von Andreas Bischof*

Code Literacy – die Fähigkeit Code zu verstehen – ist nicht nur eine Frage des Programmieren-Könnens. Sie bedeutet auch, die Umstände der Code-Produktion und -Produzenten zu verstehen. Schließlich legen die Bedingungen, unter denen Code entsteht, den Grundriss für die durch die Software ermöglichten Freiräume und Begrenzungen. Da die Arbeit an Human-Computer-Interfaces zu den lebendigsten Bereichen der Informationstechnik gehört und sich aus so unterschiedlichen Communities wie User Experience-Designern oder Robotikforschern speist, ist es naiv anzunehmen, es gäbe eine Kultur des Codens. Als Doktoranden an einem interdisziplinären Kolleg erleben wir diese Unterschiede im Umgang mit Software und Nutzungsszenarien in unserer täglichen Arbeit. Gleichzeitig zeigt uns der Blick in die mit Code und Mensch-Maschine-Schnittstellen befassten Fachgemeinschaften, dass eine Sensibilität für die Vielfalt des Codens und vor allem seine Folgen nicht selbstverständlich ist.

Deswegen haben wir im September 2013 auf der interdisziplinären Tagung „Mensch & Computer – Interaktive Vielfalt“ einen Workshop zu einem der drängendsten Themen interdisziplinärer Zusammenarbeit an interaktiver Technik ausgerichtet: Die Frage der Methodenwahl dient nicht nur der Validität und Reliabilität von Ergebnissen, sondern eröffnet auch einen spezifisch strukturierten und strukturierenden Zugang zu den Interaktionen von Mensch und Maschine. Diese Reflexivität durch eine interdisziplinäre Diskussion mit Teilnehmerinnen aus Wirtschaftsinformatik, Psychologie, Medieninformatik, UX-Consultants und „Human Factors“ zu befördern, war unser Ziel.

Ein (zu) ehrgeiziges Ziel für vier Stunden Workshop, denn es umfasst sowohl das konkrete Handwerkszeug quantitativ als auch qualitativ empirischer Methoden der Erhebung und Auswertung von Daten bis hin zu erkenntnistheoretischen Fragen zur Beobachtbarkeit und Interpretation von Mensch-Maschine-Interaktionen an sich – und das alles gemessen an der wiederkehrenden Frage: „Und wie soll ich das in meinem Projekt implementieren?“ Kein Wunder also, dass es nicht durchgängig leicht war, den Abstraktionsfahrstuhl auf dem richtigen Stockwerk zum Halten zu bringen. Diese Werkstattatmosphäre der Auseinandersetzung führte aber auch zu äußerst fruchtbaren Erfahrungen: z. B. die Session von Michael Heidt, der die Möglichkeit einer interdisziplinären Methodologie für und durch Code thematisierte. Dabei fokussiert er eine Leerstelle, die dem Befund der Code Literacy ähnelt: „Throughout our observations of relevant social research practices, we were confronted with a surprising lack of understanding and a surprising lack of methods addressing the coding process“ (Heidt 2013, in press).

Die Realisierbarkeit einer gemeinsam geteilten, formalisierbaren Code-Beschreibungssprache für Programmierende, nicht-programmierende Kolleginnen und Userinnen wurde in der Diskussion weitgehend problematisiert. Dafür sei Code im Vergleich zu anderen Artefakten zu komplex und die Coding-Praxis durch zu viele ineinander verschachtelte Kommunikationsprozesse gekennzeichnet. Ausgehend von der Frage nach Erfahrungen im interdisziplinären oder dem einleitenden Argument folgend „interkulturellen“ Arbeiten an Quellcode entwickelte sich dafür eine spannende Diskussion über Code als Praxis. Das sozialwissenschaftlich häufig thematisierte Blackboxing, also „Verunsichtbaren“ konkreter Verfahrensweisen von Soft- und Hardware, wurde von den Informatikerinnen im Workshop zum Beispiel als originäre Eigenschaft ihres Arbeitsalltags berichtet. Auch direkte Mitarbeiterinnen und Auftraggeberinnen behandeln selten konkreten Code, sondern verlangen (zumeist quantitativ skalierbaren) Output. Darüber hinaus wurden überaschenderweise ästhetische Dimensionen des Programmierens herausgearbeitet: „Coding ist für mich auch immer eine Stilfrage“, sagte ein Teilnehmer. Bourdieu hätte seine wahre Freude an diesen feinen Unterschieden der Coding-Praxis!

* Andreas Bischof, M.A., ist Kulturwissenschaftler und Doktorand des DFG-Graduiertienkollegs „CrossWorlds“ an der TU Chemnitz. Den hier beschriebenen Workshop konzipierte er gemeinsam mit Benny Liebold. Darüber hinaus befasst sich Bischof in seinem persönlichen Blog mit „(Social) Science in the Making“.

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Re:viewed – unsere Session auf der #rp13

Am 6. Mai, also vor einer Woche, haben Katharina, Nele und Stephan ihre Session auf der diesjährigen re:publica in Berlin abgehalten und wohlbehalten überstanden. Nun steht die Aufbereitung des Workshops an, v. a. das Zusammentragen der vielen Inputs, die uns erreicht haben, aber auch der konkreten Ergebnisse der Gruppen-Diskussionen während des Workshops. Da dies noch eine Weile in Anspruch nehmen kann, möchten wir im Moment nur eine kurze „Wasserstandsmeldung“ dazu geben, wie das Thema Code Literacy auf der re:publica angenommen wurde und was nun weiter passieren soll (oder eher kann). UPDATE: Wer bis dahin nicht mehr warten mag: auf YouTube kann man jetzt das Video zu unserer Session finden.

Viel Interesse am Thema

Grundsätzlich haben wir für uns das Fazit gezogen, dass das Thema „Code Literacy“ erfreulich gut angenommen wurde. Und zwar so gut, dass wir mit unserem Konzept eines Workshops – wie angepriesen – ein bisschen „ins Schwimmen“ gerieten. Da die vom Veranstalter bereit gestellten Räumlichkeiten leider eher suboptimal für unser Workshop-Konzept waren, nahmen von anfänglich etwa 300 Zuschauern (die Stage 5 war voll!) am Ende noch etwa 100 Interessierte an den Diskussionsrunden teil. Die Diskussionen selbst waren dann aber sehr spannend. Sie haben uns u.a. auch gezeigt, dass bei den Diskutanden die Vorstellung davon, was „Code“ ist bzw. welche Bedeutung er für den Alltag und das Handeln der vier Gruppen (12-jährige, Mutter, Politiker, Netzaktivist) hat, eher vage bis kaum vorhanden war. Nach der Vorstellung der Gruppengespräche durch jeweils zwei Gruppensprecher, blieb uns leider wenig Zeit für ein abschließendes Fazit. Allerdings kamen im Anschluss viele anregende Gespräche zustande, z.B. fanden einige Teilnehmer es schön, auf der großen Bühne re:publica auch einmal selbst zu Wort zu kommen. Danach war es Nele, die das Thema „Code Literacy“ über verschiedene Formate medial weiter trug.

#codelit – mediale Resonanz

So schrieb Patrick Greuth von ZEIT Online einen klasse Artikel über die Relevanz und Bezüge des Themas „Code Literacy“ mit dem programmatischen Titel „Raus aus der digitalen Unmündigkeit“. Der Text wurde am 7. Mai auch nochmal von Golem.de veröffentlicht und hat insgesamt für einiges Aufsehen gesorgt (wie z.B. die #rp13-Rückschau auf dem Blog „Kotzendes Einhorn“ zeigt). Besonders interessant ist aus unserer Sicht auch die Debatte im Kommentarbereich unter dem Artikel auf ZEIT Online – er zeigt anschaulich, wie kontrovers und breit die Debatte geführt wird und weiterhin geführt werden sollte.

Weitere Interviews mit Nele zum Thema „Code Literacy“ zum Nachschauen: im Rahmen der Netzdebatte der Bundeszentrale für politische Bildung sowie ein kurzer Auftritt im Live-Podcasting-Format „Die Sondersendung“ an Tag 1 der re:publica. An Tag 2 entstand ein kurzes Interview für die Sendung „Trackback“ auf Radio Fritz sowie ein Interview mit Phillip Banse für dctp.tv.

Darüber hinaus hat Nele ein Storify zum Hashtag #codelit sowie eine öffentliche Liste auf Twitter erstellt, welche Leute und Projekte versammeln soll, die sich mit dem Thema „Code Literacy“ und verwandten Themen auseinander setzen. Feel free to join!

Insgesamt bleibt uns das Fazit: das Interesse am Thema war riesig, die Räumlichkeiten allerdings ungeeignet – die „Methode“ des Workshops könnte für die re:publica auch in Zukunft fruchtbar sein. Wir hatten viel Spaß, ein bisschen Stress und freuen uns auf die Fortsetzung der angeregten Diskussion. Alles weitere folgt dann in Bälde hier.

[nh]

Code Literacy – Verstehen, was uns online lenkt

… lautet der Titel eines Workshops, den wir am 6. Mai 2013 im Rahmen den re:publica13 in Berlin veranstalten. Mit diesem Blog möchten wir zum einen die Ergebnisse der einstündigen Runde dokumentieren, aber gleichzeitig auch Teilnehmer und Interessierte zu einem darüber hinaus reichenden Austausch anregen.

Worum es geht

Code Literacy ist eine Schlüsselkompetenz in unserer Gesellschaft, wird aber überhaupt nicht hinreichend vermittelt.

Das Verhalten von Menschen wird im digitalen Zeitalter neben Märkten, Gesetzen und sozialen Normen zunehmend auch von Software-Code gesteuert. Wie Mauern im physischen Raum bestimmt Code im Internet, wer wozu Zugang erhält, wer wovon ausgeschlossen wird und wie wir mit Informationssystemen und Menschen interagieren. Code ermöglicht uns bestimmte Handlungsweisen, legt andere nahe und macht wieder anderes unmöglich. Und der Einflusskreis von Code reicht zunehmend über das Netz hinaus: Im Zeichen der Digitalisierung werden mehr und mehr Bestandteile unseres Alltagslebens in netzbasierte Software ausgelagert – vom kleinsten Einkauf bis zum globalen Börsenhandel, vom Leserbrief bis zur Petition.

Aber ist dieser Einfluss allen bewusst? Besitzen wir – auch und gerade als Nicht-CoderIn – die entsprechenden Fertigkeiten und das notwendige Wissen, die Bedeutung von Code für unseren Alltag zu erkennen?

Aus unserer Sicht gilt es zunächst einmal, das Thema „Code Literacy“ stärker einzukreisen: Was genau macht eigentlich Code Literacy oder Code-Kompetenz aus? Lässt es sich von anderen Anforderungen des Lebens in vernetzten Gesellschaften wie Medien- oder Informationskompetenz sinnvoll abgrenzen? Und: Brauchen „normale“ NutzerInnen überhaupt Wissen um Code?

Es geht uns dabei auch um die Frage, wie eine mögliche Agenda zu Reichweite und Inhalt der Vermittlung von Code Literacy aussehen könnte. Konzeptionell müsste eine solche Agenda aus unserer Sicht folgende Aspekte berücksichtigen:

  • Für Wen?   Zielgruppen
  • Wer?            Vermittlergruppen, Stakeholder, …
  • Warum?     Gründe und Notwendigkeit, normative und praktische Ziele der Vermittlung
  • Was?            Inhalte, z.B. Ebenen, Sprache(n), Geschichte, Einflussnahme von Code
  • Wie?             Kontexte, Tools, didaktische und kreative Ansätze, Abstraktion, …

Da uns bewusst ist, wie kurz so eine Stunde – gerade im kreativen „Gewusel“ der re:publica – sein kann, möchten wir mit diesem Blog ein Angebot schaffen, diese Fragen zu diskutieren, relevante Informationen zu sammeln und über laufende Projekte, v.a. im deutschsprachigen Raum, zu berichten. Der Twitter-Hashtag für den Workshop lautet #codelit.

Das hier geht aber nur mit Eurer/Ihrer Mithilfe! Kommt zu unserem Workshop am 6. Mai und/oder meldet euch bei uns, falls ihr Interesse am Thema habt, einen Gastbeitrag schreiben (oder bereits publizierte Texte zum Thema „zweitverwerten“) wollt, oder oder oder … Wir freuen uns über Input und Feedback!

[nh]