„Code as Code can“ – Neues aus dem Maschinenraum

Ahoi aus Hamburg,

schon ein Weilchen ist es (aus ganz unterschiedlichen Gründen) her, dass hier ein neuer Beitrag zu lesen war. Doch nein, wir waren nicht untätig, nur eben sehr beschäftigt. Und zwar unter anderem damit, einen Text für „Communicatio Socialis“ zu schreiben – die Fachzeitschrift ist schon ein paar Jährchen alt widmet sich seit Neuestem vorrangig medienethischen Fragen. Unser Beitrag, den ich gemeinsam mit Stephan Dreyer und Katharina Johnsen vom HBI geschrieben habe, trägt den Titel „‚Code as Code can‘ Warum die Online-Gesellschaft einer digitalen Staatsbürgerkunde bedarf“. Es geht uns im Groben darum, den Begriff „Code Literacy“ in einen etwas größer gelagerten Kontext zu setzen und auch die Anbieterseite zu beleuchten, d. h. es ist kein rein wissenschaftlicher Text, mehr eine Art „Wünsch-dir-was“/Kommentar. Momentan können wir den Text leider hier nicht zum Download anbieten, aber wir schicken ihn auf Anfrage natürlich gerne per Mail weiter. Als kleiner Teaser hier das Abstract:

Das Handeln und Verhalten von Menschen wird heute neben Märkten, Gesetzen und sozialen Normen auch von Software-Code gesteuert. Im Zeichen der Digitalisierung sind mehr und mehr Bestandteile unseres Alltagslebens in netz- und code-basierte Software ausgelagert. Code ist allgegenwärtig und wirkmächtig, zugleich aber auch nicht unmittelbar sichtbar: Er ist undurchschaubar, unantastbar und unterliegt Produktionslogiken, die sich der Kenntnis- und Einflussnahme der Nutzer und möglichen Rechenschaftspflichten entzieht. Damit unterscheidet sich Code als Steuerungsfaktor menschlichen Verhaltens grundsätzlich von rechtlichen und sozialen Normen. Vor diesem Hintergrund diskutiert der Beitrag aus medienethischer Perspektive zum einen die Verantwortung der vergleichsweise autark handelnden Anbieter codebasierter Dienste mit Blick auf Fragen der Transparenz, Legitimation und Kontrolle derartiger Angebote. Zum anderen wird die Notwendigkeit einer digitalen Staatsbürgerkunde herausgestellt, die den Anwendern nicht nur Kenntnisse um die Funktionslogiken von Code im Sinne einer Code Literacy vermittelt, sondern (potenziell) auch zu einer informierten, kritischen sowie aktiv-gestaltenden Teilhabe an der digitalen Gesellschaft befähigt.

Zu genau jenem Beitrag habe ich dann direkt am Jahresanfang, am 9. Januar, in Köln einen Vortrag auf der medienethischen Tagung „Täuschung, Inszenierung, Fälschung“ gehalten, der für einige Diskussionen sorgte. Mein Fazit dazu fiel auf Twitter nicht allzu rosig aus: Für einige ist das Netz nicht nur Neuland, sondern Niemandsland. Hier also die Folien zum Vortrag:

Und noch eine kleine Sache: Mitte Oktober sprach ich mit Kai Biermann von ZEIT Online zum Thema Code Literacy. Anlass war die Initiative Code.org und wie sich diese vor dem Hintergrund neuer Anforderungen und Kompetenzen des „Homo digitalis“ (ja, so lautet unser etwas sperriger Blog-Untertitel) einordnen lässt. Den Artikel könnt ihr hier nachlesen.

So much for now. Keep on coding in a free world.

Nele

P.S. Wir suchen natürlich nach wie vor Menschen, die ihre Gedanken zum Thema „Code Literacy“, „digitaler Staatsbürgerkunde“ (oder wie auch immer man es nennen möchte) hier in kurzen Beiträgen teilen möchten.

Interdisziplinäre Einblicke in Coding-Praxis

Ein Gastbeitrag von Andreas Bischof*

Code Literacy – die Fähigkeit Code zu verstehen – ist nicht nur eine Frage des Programmieren-Könnens. Sie bedeutet auch, die Umstände der Code-Produktion und -Produzenten zu verstehen. Schließlich legen die Bedingungen, unter denen Code entsteht, den Grundriss für die durch die Software ermöglichten Freiräume und Begrenzungen. Da die Arbeit an Human-Computer-Interfaces zu den lebendigsten Bereichen der Informationstechnik gehört und sich aus so unterschiedlichen Communities wie User Experience-Designern oder Robotikforschern speist, ist es naiv anzunehmen, es gäbe eine Kultur des Codens. Als Doktoranden an einem interdisziplinären Kolleg erleben wir diese Unterschiede im Umgang mit Software und Nutzungsszenarien in unserer täglichen Arbeit. Gleichzeitig zeigt uns der Blick in die mit Code und Mensch-Maschine-Schnittstellen befassten Fachgemeinschaften, dass eine Sensibilität für die Vielfalt des Codens und vor allem seine Folgen nicht selbstverständlich ist.

Deswegen haben wir im September 2013 auf der interdisziplinären Tagung „Mensch & Computer – Interaktive Vielfalt“ einen Workshop zu einem der drängendsten Themen interdisziplinärer Zusammenarbeit an interaktiver Technik ausgerichtet: Die Frage der Methodenwahl dient nicht nur der Validität und Reliabilität von Ergebnissen, sondern eröffnet auch einen spezifisch strukturierten und strukturierenden Zugang zu den Interaktionen von Mensch und Maschine. Diese Reflexivität durch eine interdisziplinäre Diskussion mit Teilnehmerinnen aus Wirtschaftsinformatik, Psychologie, Medieninformatik, UX-Consultants und „Human Factors“ zu befördern, war unser Ziel.

Ein (zu) ehrgeiziges Ziel für vier Stunden Workshop, denn es umfasst sowohl das konkrete Handwerkszeug quantitativ als auch qualitativ empirischer Methoden der Erhebung und Auswertung von Daten bis hin zu erkenntnistheoretischen Fragen zur Beobachtbarkeit und Interpretation von Mensch-Maschine-Interaktionen an sich – und das alles gemessen an der wiederkehrenden Frage: „Und wie soll ich das in meinem Projekt implementieren?“ Kein Wunder also, dass es nicht durchgängig leicht war, den Abstraktionsfahrstuhl auf dem richtigen Stockwerk zum Halten zu bringen. Diese Werkstattatmosphäre der Auseinandersetzung führte aber auch zu äußerst fruchtbaren Erfahrungen: z. B. die Session von Michael Heidt, der die Möglichkeit einer interdisziplinären Methodologie für und durch Code thematisierte. Dabei fokussiert er eine Leerstelle, die dem Befund der Code Literacy ähnelt: „Throughout our observations of relevant social research practices, we were confronted with a surprising lack of understanding and a surprising lack of methods addressing the coding process“ (Heidt 2013, in press).

Die Realisierbarkeit einer gemeinsam geteilten, formalisierbaren Code-Beschreibungssprache für Programmierende, nicht-programmierende Kolleginnen und Userinnen wurde in der Diskussion weitgehend problematisiert. Dafür sei Code im Vergleich zu anderen Artefakten zu komplex und die Coding-Praxis durch zu viele ineinander verschachtelte Kommunikationsprozesse gekennzeichnet. Ausgehend von der Frage nach Erfahrungen im interdisziplinären oder dem einleitenden Argument folgend „interkulturellen“ Arbeiten an Quellcode entwickelte sich dafür eine spannende Diskussion über Code als Praxis. Das sozialwissenschaftlich häufig thematisierte Blackboxing, also „Verunsichtbaren“ konkreter Verfahrensweisen von Soft- und Hardware, wurde von den Informatikerinnen im Workshop zum Beispiel als originäre Eigenschaft ihres Arbeitsalltags berichtet. Auch direkte Mitarbeiterinnen und Auftraggeberinnen behandeln selten konkreten Code, sondern verlangen (zumeist quantitativ skalierbaren) Output. Darüber hinaus wurden überaschenderweise ästhetische Dimensionen des Programmierens herausgearbeitet: „Coding ist für mich auch immer eine Stilfrage“, sagte ein Teilnehmer. Bourdieu hätte seine wahre Freude an diesen feinen Unterschieden der Coding-Praxis!

* Andreas Bischof, M.A., ist Kulturwissenschaftler und Doktorand des DFG-Graduiertienkollegs „CrossWorlds“ an der TU Chemnitz. Den hier beschriebenen Workshop konzipierte er gemeinsam mit Benny Liebold. Darüber hinaus befasst sich Bischof in seinem persönlichen Blog mit „(Social) Science in the Making“.